Ein nerviger Kollege ohne Führungsrolle darf dir keine Anweisungen geben. Das ist keine Meinung, das steht in § 106 der Gewerbeordnung: Weisungen erteilt nur, wer dazu befugt ist. Wenn dir also jemand ständig zu nah kommt, dich anfasst oder dir Aufgaben zubellt, darfst du im Job eine klare Grenze setzen — freundlich, einmal, deutlich. Und du bleibst dabei trotzdem der Mensch, mit dem alle gern eine Schicht machen. Nett sein und respektiert werden ist kein Entweder-oder.

Meistens kommen hier zwei Dinge zusammen. Jemand, der deinen körperlichen Freiraum nicht respektiert. Und dieselbe Person spielt den Chef, obwohl sie keiner ist. Beides kriegst du in den Griff: mit klaren Worten und, wenn es nicht aufhört, mit der Betriebsleitung. Gehen wir es durch.

Die Zurufe in der Gastro haben einen Grund

Auf einer vollen Fläche sind heiße Teller, Messer und volle Tabletts unterwegs, und alle bewegen sich schnell. Deshalb ruft man sich kurze Warnungen zu: "Achtung, hinter dir!", "Ecke!", "Heiß!", "Scharf!", "Vorsicht, ich komme durch!". In vielen Küchen reicht auch schlicht "Hinter dir!". Das ist keine Höflichkeit. Das ist Arbeitsschutz.

Ein Kollege, der dich anrempelt, nie etwas ruft und sich nie entschuldigt, ist deshalb oft gar nicht gemein. Viele Neue haben die Sprache einer vollen Schicht nie gelernt. Es hat sie ihnen einfach keiner beigebracht.

Bring sie ihm einmal bei, laut und selbstverständlich — weil sie das ist:

  • Hinter dir: Sag ihm ganz normal, dass man das hier immer ruft, damit niemand in einen heißen Teller läuft.
  • Ecke: Vor jeder blinden Kurve ein kurzes "Ecke!". Mehr braucht es nicht.
  • Mach es vor. Benutz die Zurufe selbst, laut, jedes Mal. Neue übernehmen, was sie hören.

Falls dich das volle Tablett dabei selbst noch nervös macht: So trägst du es, ohne etwas fallen zu lassen.

Wenn er dir danach immer noch auf die Pelle rückt, ist es keine Wissenslücke mehr. Dann geht es um Grenzen. Weiter zum nächsten Schritt.

Grenzen setzen im Job: sag es einmal klar

Manche stehen einfach zu dicht. Sie lehnen sich rein. Sie legen dir die Hand auf die Schulter, um dir etwas ins Ohr zu sagen. Wenn das nichts für dich ist, darfst du das sagen. Einmal, ruhig, ohne große Rede.

Kurz, flach und über das Verhalten — nicht über die Person:

  • "Geh mal einen Schritt zurück, ich brauch Platz."
  • "Bitte nicht anfassen, sag es mir einfach."
  • "Nicht anfassen — Bescheid sagen reicht."

Damit eine Grenze wirklich hält:

  • Sag es sachlich, nicht als Witz. Ein Witz gibt dem anderen die Ausrede, es nicht gehört zu haben.
  • Sag es jedes Mal gleich. Ruhig wiederholen bringt mehr als einmal laut werden.
  • Erklär dich nicht lang. "Ich brauch meinen Platz, danke" ist ein vollständiger Satz.
  • Diskutier das Gefühl nicht. Wenn er sagt "Ich arbeite doch nur!", wiederhol einfach die Bitte: "Klar. Und ich brauch trotzdem einen Schritt Abstand."

Kurz zum Anfassen. Eine Hand auf der Schulter, jemand, der dir auf den Füßen steht oder sich an dein Ohr lehnt — auch wenn nichts Übergriffiges dahintersteckt, ist es zu viel. Du schuldest niemandem eine Diskussion darüber. "Hier fasst man sich nicht an" ist richtig und Ende der Debatte.

Wenn ein Kollege den Chef spielt

Hier hilft ein Blick ins Gesetz, und zwar ein sehr kurzer. § 106 GewO regelt das Weisungsrecht: Anweisungen zu Inhalt, Ort und Zeit der Arbeit darf nur geben, wer dazu befugt ist — die Betriebsleitung oder wer von ihr dazu bestimmt wurde. Ein Kollege ohne Führungsrolle hat kein Weisungsrecht. Punkt. Das ist keine Zickerei und keine Meinung, das steht so im Gesetz.

Daraus folgt eine saubere Regel für die Fläche: Eine Bitte ist ein Gefallen. Eine Anweisung ist ein Machtspiel. Ein Kollege darf fragen. Befehlen darf er nicht.

Wenn dir also jemand ohne Führungsrolle Aufgaben mit Ton zuwirft, gib sie freundlich zurück:

  • "Du hast gerade Luft, du kannst die nehmen."
  • "Das ist eins zum Selbermachen. Ich bring gerade das Essen raus."
  • "Wenn ich durch bin, gern. Gerade steh ich am Pass."
  • Wenn er weiter drängt: "Wenn du meinst, das ist mein Job, fragen wir zusammen den Chef."

Der letzte Satz ist Gold. Das ist keine Drohung, das ist ein Bluff-Call. Leute, die sich Regeln ausdenken, um dich herumzuschubsen, werden sehr schnell still, sobald jemand mit echtem Weisungsrecht danebensteht.

Eine Ausnahme, damit es fair bleibt: Wenn die Chefin jemanden ausdrücklich zur Schichtleitung gemacht hat, darf diese Person Ansagen machen. Dann ist es kein Chef-Spielen, sondern schlicht ihr Job. Frag im Zweifel einmal nach, wer die Schicht führt. Diese eine Frage klärt erstaunlich viel.

Die "Du stehst doch nur rum"-Falle

Kurzer Realitätscheck, der ist wichtig. Manchmal schiebt dir ein Kollege Aufgaben zu, weil du von seiner Seite aus untätig aussiehst. Du behältst den Pass im Blick und wartest, bis das Essen hochkommt. Er poliert Besteck und sieht jemanden, der "nichts tut".

Ein Weisungsrecht gibt ihm das trotzdem nicht. Kein Stück. Aber es erklärt die Reibung. Und wenn du das aussprichst, kühlt die Sache oft sofort ab.

Du kannst es entschärfen, ohne einen Schritt zurückzuweichen:

  • Sag, was du gerade machst: "Ich hab den Pass im Blick, ich bring die raus, sobald sie stehen."
  • Biete einen echten Tausch an: "Du willst die Wasser gemacht haben? Gern — behalt du den Pass im Blick, dann hol ich sie."
  • Bleib der Teamplayer, der du sowieso bist. Freiwillig einspringen ist das genaue Gegenteil davon, herumkommandiert zu werden.

Helfen ist deine Entscheidung. Genau darum geht es. Ein gutes Team läuft über Angebote, nicht über Befehle.

Wenn sich ein nerviger Kollege wiederholt, mach es nicht allein aus

Was erfahrene Kellner mit solchen Kollegen machen: Sie behalten die Sache nicht für sich. Nicht um zu lästern — sondern um gesehen zu werden.

  • Führ die Gespräche offen. Da, wo andere mithören können. Zeugen sind etwas wert.
  • Lass die anderen sich ihr eigenes Bild machen. Wenn jemand über die Stränge schlägt, regelt das die Gruppe oft schneller als du allein.
  • Schreib das Muster auf. Datum, was passiert ist, wer es gesehen hat. Kurze Notizen, nur Fakten.
  • Hol die Leitung dazu, wenn es sich wiederholt. Zum Beispiel: "Ein paar von uns haben das schon angesprochen. Kannst du das einmal für alle klarstellen?"

Als Team-Standard formuliert statt als persönliche Beschwerde bringt das Ergebnisse ohne Drama. Und wenn sich schon andere über dieselbe Person beschwert haben, ist es kein "Du"-Problem. Dann ist es ein Betriebsproblem, und das muss die Leitung wissen.

Ab hier ist es übrigens nicht mehr nur Teamdynamik, sondern Chefsache. Nach § 618 BGB hat dein Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht: Er muss den Betrieb so einrichten, dass du bei der Arbeit geschützt bist. Das AGG wird in § 12 noch deutlicher — der Arbeitgeber muss Beschäftigte vor Belästigung schützen, bei Kollegen genauso wie nach § 12 Abs. 4 AGG bei Übergriffen durch Gäste. Anfassen, ständiges Zu-nah-Kommen oder Anschreien ist also kein Zickenkrieg, den du unter dir ausmachen musst. Es ist eine Pflicht der Betriebsleitung.

Und wenn die Leitung nichts tut oder selbst Teil des Problems ist: In Betrieben mit mindestens fünf ständigen wahlberechtigten Beschäftigten kann es einen Betriebsrat geben. Der ist neben der Chefin oder dem Chef die richtige Adresse. Gibt es keinen, sind die Gewerkschaft (in der Gastro die NGG) oder bei Diskriminierung und sexueller Belästigung die Antidiskriminierungsstelle des Bundes der nächste Schritt. Was genau in deinem Fall greift, sagt dir eine Beratungsstelle oder ein Fachanwalt für Arbeitsrecht — die Regeln lesen sich einfacher, als sie im Einzelfall sind.

Kurz zu Alter und Körpergröße

Vielleicht ist dein Kollege jung, gerade erst erwachsen und lernt noch, wo die Grenzen liegen. Das kommt vor, und ein bisschen Geduld hilft.

Aber "der ist halt jung" ist kein Grund, dich kleiner zu machen. Jemand, der größer ist als du und dir ständig zu nah kommt, ist ernst zu nehmen. Für dich — und für die nächste Person, die sich vielleicht nicht traut, etwas zu sagen. Freundlich sein und klare Grenzen setzen sind keine Gegensätze. Du kannst beides gleichzeitig.


Du kannst der hilfsbereiteste Mensch auf der ganzen Fläche sein und dich trotzdem weder herumkommandieren noch bedrängen lassen. Bring die Zurufe bei. Zieh deine Grenze einmal, ruhig und deutlich. Gib erfundene Anweisungen freundlich zurück — § 106 GewO steht dabei auf deiner Seite. Und wenn es sich wiederholt, hol die Leitung dazu, denn dafür ist sie da. Teamplayer zu sein ist eine Entscheidung, die du triffst. Keine, die dir ein Kollege vorschreiben darf.