Nicht jeder Umsatz ist gleich viel wert. Lieferplattformen versprechen Wachstum, und auf dem Papier liefern sie es auch — nur bleibt am Ende des Jahres oft weniger übrig als vorher.
Die kurze Antwort: Die Provision liegt je nach Modell zwischen 13 und 30 Prozent, deine tatsächliche Belastung liegt aber eher bei 40 bis 45 Prozent, sobald Zahlungsgebühren, Verpackung, Rabatte und Erstattungen dazukommen. Damit sich Lieferung rechnet, brauchst du drei Dinge: eigene Preise auf der Plattform, keine selbst finanzierten Rabattaktionen, und Lieferung als Zusatzgeschäft mit dem Personal, das ohnehin da ist.
Schauen wir uns die Zahlen an — mit deutschen Sätzen, nicht mit amerikanischen.
Wer in Deutschland überhaupt liefert
Kurz zur Einordnung, weil in vielen Ratgebern immer noch amerikanische Namen stehen: DoorDash gibt es in Deutschland nicht. Der Markt wird von Lieferando dominiert, dazu kommen Wolt und Uber Eats, beide vor allem in größeren Städten.
Der entscheidende Unterschied steckt nicht im Namen, sondern im Modell:
| Modell | Wer fährt | Provision (Richtwert) |
|---|---|---|
| Lieferung durch dich | dein Fahrer oder Abholung | ca. 13–14 % |
| Lieferung durch die Plattform | Plattformfahrer | ca. 30 % |
| Abholung ("Pickup") | Gast holt selbst | meist deutlich günstiger |
Viele Gastronomen zahlen 30 Prozent, obwohl sie selbst ausliefern könnten. Wenn du einen eigenen Fahrer für die Stoßzeiten hast, ist der Wechsel des Modells der schnellste Gewinnhebel, den du auf dieser Seite findest. Die genauen Sätze stehen in deinem Vertrag und unterscheiden sich je nach Stadt und Verhandlung — schau nach, bevor du weiterrechnest.
Die Rechnung pro Bestellung
Ein Burger für 14,00 € auf der Plattform. Provisionsmodell: Lieferung durch die Plattform.
| Position | Betrag |
|---|---|
| Bestellwert brutto | 14,00 € |
| − Umsatzsteuer 7 % (Speisen) | −0,92 € |
| Nettoerlös | 13,08 € |
| − Provision 30 % | −4,20 € |
| − Zahlungsabwicklung ca. 3 % | −0,42 € |
| − Verpackung (Menübox, Tüte, Besteck, Serviette) | −1,10 € |
| − Erstattungsrisiko (Ø 2 %) | −0,28 € |
| Bleibt vor Wareneinsatz | 7,08 € |
| − Wareneinsatz 30 % | −3,92 € |
| Bleibt für Personal, Pacht, Energie, Steuern | 3,16 € |
Rund 6,00 € Plattformkosten auf 13,08 € Nettoerlös — das sind gut 45 Prozent, nicht 30. Und darin steckt noch keine einzige Arbeitsminute deiner Küche.
Zwei deutsche Besonderheiten, die die Rechnung freundlicher machen als sie aussieht: Seit dem 1.1.2026 gelten auf Speisen 7 % Umsatzsteuer in jedem Kanal — auch bei Lieferung. Getränke bleiben bei 19 %. Und die Provisionsrechnung der Plattform enthält Umsatzsteuer, die du als Vorsteuer ziehst. Trotzdem bleibt der Kern: Fast die Hälfte deines Nettoerlöses geht nicht in deinen Betrieb.
Was das im Jahr bedeutet
15.000 € Plattformumsatz im Monat klingen nach Erfolg. 180.000 € im Jahr, ein schöner zweiter Standbein-Umsatz.
| Position | Betrag pro Jahr |
|---|---|
| Plattformumsatz | 180.000 € |
| Provision (30 %) | 54.000 € |
| Zahlungsabwicklung (3 %) | 5.400 € |
| Verpackung | 14.400 € |
| Erstattungen und Rückbuchungen (2 %) | 3.600 € |
| Abfluss gesamt | 77.400 € |
77.400 €, die den Betrieb verlassen, bevor du einen Cent verdient hast. Bei einem Gewinn vor Steuern von realistisch 5 bis 12 Prozent in der deutschen Gastronomie ist das dein kompletter Jahresgewinn — und mehr.
Zur Verpackung kommen in Deutschland Posten dazu, die in ausländischen Ratgebern gar nicht auftauchen:
- Verpackungsgesetz und LUCID. Du musst dich im Verpackungsregister anmelden und dich an einem dualen System beteiligen. Es gibt keine Mindestmenge, und die Bußgelder gehen bis in den sechsstelligen Bereich.
- Einwegkunststoffabgabe. Seit 2024 zahlst du über das EWKFondsG eine Abgabe je Kilogramm Einwegkunststoff — bei Lebensmittelbehältern etwa 18 Cent pro Kilogramm. Die aktuellen Sätze und Meldefristen stehen beim Umweltbundesamt.
- Mehrwegangebotspflicht. Wer Speisen in Einwegkunststoff oder Getränke in Einwegbechern abgibt, muss nach § 33 f. VerpackG auch eine Mehrwegvariante anbieten, und zwar nicht teurer. Ausgenommen sind kleine Betriebe mit höchstens fünf Beschäftigten und maximal 80 m² Verkaufsfläche — die müssen dafür Behälter der Gäste befüllen.
Was in den Verträgen selten deutlich steht
Die Provision ist nicht das einzige Problem.
- Erstattungen ohne Nachweis. Meldet ein Gast "kalt angekommen" oder "hat gefehlt", wird oft sofort erstattet — aus deinem Geld. Nachgefragt wird selten. Widersprich trotzdem jedes Mal und dokumentiere die Bestellung; wer nie widerspricht, wird häufiger belastet.
- Sichtbarkeit kostet extra. Ohne bezahlte Platzierung oder Rabattaktion rutschst du in der Liste nach unten. Das ist kein Zufall, sondern das Geschäftsmodell.
- Lieferradius außer Kontrolle. Fährt ein Fahrer 30 Minuten, kommt dein Essen kalt an. Die schlechte Google-Bewertung landet bei dir, nicht bei der Plattform. Setz deinen Radius eng — lieber weniger Bestellungen als schlechte Bewertungen.
- Preisbindung. Prüfe, ob dein Vertrag verlangt, dieselben Preise wie im Haus zu nehmen. Solche Preisparitätsklauseln sind kartellrechtlich umstritten und in mehreren europäischen Verfahren gekippt worden. Frag nach oder lass den Vertrag anwaltlich prüfen, bevor du deine Plattformpreise anhebst.
- Fremdlistung. Manche Anbieter listen Betriebe mit abgeschriebenen Karten und alten Preisen, ohne dass jemand gefragt hat. Such deinen Namen ab und zu selbst — und widersprich schriftlich.
So wird Lieferung trotzdem profitabel
Ganz verzichten ist selten die Lösung. Wer nicht gelistet ist, bekommt die Bestellung nicht, sondern der Betrieb zwei Straßen weiter. Also spielst du das Spiel — nach deinen Regeln.
- Eigene Preise auf der Plattform. 15 bis 25 Prozent über deinen Hauspreisen sind üblich und werden akzeptiert; Gäste zahlen für Bequemlichkeit. Das deckt die Provision.
- Keine selbst finanzierten Rabatte. "5 € Rabatt ab 20 €" bezahlst am Ende du. Wer schon 45 Prozent abgibt, verschenkt nicht noch die Reste.
- Karte für Lieferung kürzen. Nur Gerichte, die 20 Minuten im Karton überstehen. Pommes, Sahnesoßen und alles Knusprige gehören meistens nicht dazu.
- Kein zusätzliches Personal. Lieferung läuft mit dem Team, das ohnehin in der Schicht ist. Sobald du dafür jemanden extra einstellst, kippt die Rechnung endgültig.
- Lieferzeiten anders legen als die Öffnungszeiten. Schalt die Plattform in der Mittagsspitze aus, wenn dein Gastraum voll ist. Ein Tisch bringt dir mehr als eine Bestellung mit 45 Prozent Abzug.
- Gäste auf den Direktkanal holen. Ein Zettel oder QR-Code in jeder Tüte: beim nächsten Mal direkt bestellen, mit 10 Prozent Rabatt. Diese 10 Prozent kosten dich ein Viertel dessen, was die Plattform nimmt. Denk bei deinem eigenen Shop an Impressum nach § 5 DDG, Datenschutzerklärung und eine saubere Preisangabe nach der PAngV.
- Tüten versiegeln. Aufkleber mit deinem Logo über den Verschluss. Das reduziert "es hat etwas gefehlt" spürbar und sieht nebenbei professionell aus.
Und rechne einmal im Quartal nach: Umsatz je Kanal, Provision je Kanal, Deckungsbeitrag je Kanal. Wenn deine Kasse das nicht getrennt ausweist, ist das dein nächstes Projekt — ohne diese Trennung kalkulierst du blind.
Lieferplattformen sind ein guter Werbekanal und ein schlechter Geschäftspartner. Nutz sie, um gefunden zu werden, aber lass sie nicht deine Kalkulation bestimmen. Eigene Preise, kein selbst bezahlter Rabatt, enger Radius und ein Direktkanal, den du selbst aufbaust — damit bleibt vom Wachstum auch etwas bei dir.